Lesenswertes
Lesenswertes
Aus der Vielzahl von Begebenheiten, die in die Geschichte der alten Bundesrepublik eingingen und mit dem Namen von Max Reimann verbunden sind, möchte ich nur diese eine in die Erinnerung rufen.
Eine Chronik schildert die Bundestagssitzung vom 22. September 1950 so: "Während der Rede des KPD-Abgeordneten Max Reimann kommt es im Bundestag in Bonn zu einem Eklat. Nachdem Reimann schon mehrmals von dem Abgeordneten Franz-Josef Strauß unterbrochen worden ist, erhält er wegen der Feststellung, dass die Oder-Neiße-Grenze eine ´Grenze des Friedens´ sei, vom Bundestagspräsidenten Erich Köhler einen Ordnungsruf und wird dann durch Händeklatschen und dauernde Zwischenrufe zum Abbruch seiner Rede gezwungen. Anschließend betreten zwei angebliche Russland-Heimkehrer mit zerschlissener Kleidung und durchlöcherten Schuhen das Podium. Einer von ihnen ergreift das Mikrophon und ruft: "Kein Heim und nichts zu essen, und dann soll man diesen Mann in dieser Weise reden hören! Wenn ich ihn kriegen könnte, würde ich ihm den Hals umdrehen."
Daraufhin wird die Sitzung unterbrochen. Später betritt Bundeskanzler Adenauer das Podium und gibt im Namen der Bundesregierung eine Erklärung ab: "Wir bedauern, dass dieser Saal und diese Rednertribüne durch eine solche Rede des Abgeordneten Reimann, die den deutschen Interessen absolut zuwiderläuft, entweiht worden sind. Die Bundesregierung erachtet es weder mit ihrer Stellung und Verantwortung noch mit ihrer Würde für vereinbar, in Zukunft solche Reden anzuhören." Nach Beendigung des zweiten Tages der Aussprache über die Regierungserklärung wird bekannt, dass die beiden Unbekannten am Tag zuvor von Bundestagspräsident Köhler Eintrittskarten für die Zuschauertribüne erhalten hatten und er sie außerdem Bundeskanzler Adenauer vorgestellt hatte." (Die Protest-Chronik 1949-1950, Rogner & Bernhard, Hamburg, 1996)
Diese und andere Episoden sind Beispiel dafür, dass Max Reimann den Schwur von Buchenwald "Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!" und den Kampf für die Unumkehrbarmachung der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu seiner Lebens- und Kampfmaxime machte.
In Ostpreußen wurde er geboren. Der Ruhrbergbau machte ihn zum Kommunisten und Arbeiterführer. Die Achtung vor seinem Lebensweg, seinem Engagement im Klassenkampf, im antifaschistischen Widerstand sowie seine Parteierfahrungen führten ihn, einen der das KZ Sachsenhausen überlebte, an die Spitze der KPD. Der Kampf gegen das Ruhrstatut, die Spaltung Deutschlands, die Remilitarisierung, den Kalten Krieg, das erneute Verbot der KPD, die atomare Hochrüstung, für die Anerkennung der DDR sowie der Freundschaft mit der Sowjetunion sind mit dem Wirken Max Reimanns verbunden. All seine Kämpfe zeigten: Max Reimann, diese hervorragende Persönlichkeit in der westdeutschen und internationalen Arbeiterbewegung hatte Charisma. Er bekam es als leidenschaftlicher Klassenkämpfer, überzeugter Revolutionär und eindrucksvoller Agitator, als Patriot und Internationalist. Im Auf und Ab der Kämpfe und auch bei Irrungen, die er mitverantwortete, hat er nie den Glauben an den letztendlichen Sieg der Sache des Sozialismus verloren.
In Max Reimann und seinen gleichaltrigen Kampfgefährten personifizierte sich ein großer Teil der revolutionären Seiten der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert. Die DKP kann stolz darauf sein, dass dieser Mann noch einige Jahre ihr Ehrenpräsident war. Ich bin und bleibe stolz darauf, dass er mir und meiner Kommunistengeneration in der DKP ein eindrucksvoller Lehrmeister war, und wir eine lange Wegstrecke seine Mitstreiter waren.
Herber Mies
"Das war ein wirklich seriöser Politiker von links".
Seine Beerdigung 1977 war in der rechten Lokalzeitung "Westfalenpost" seitens der DKP angezeigt. Ich fuhr als noch nicht 19 jähriger Jungkommunist hin und erlebte eine bewegende Feier mit einer Demonstration von 20 000 Kommunisten, die ich nie vergesen werde.
Meine Mutter war politisch CDU-orientiert und wegen meiner linken Bestrebungen besorgt, aber Max Reimann war ihr viele Jahre nach der Ilegalität noch ein Begriff: "Das war ein wirklich seriöser Politiker von links".
Sie meinte das gegen komische Sachen von 1968 ff.
Also - sie akzeptierte, dass ich fuhr.
Er war, als wirklicher Gegenspieler zu Adenauer, unvergessen auch in konservativen Kreisen.
Was mir bleibt ist vor allem sein Verhältnis zum Grundgesetz:
Die Kommunisten haben damals nicht zugestimmt, weil sie die Teilung Deutschlands nicht wollten, aber gleichzeitig erklärt, dass sie die demokratischen Rechte gegen diejenigen verteidigen würden, die das GG verabschieden. So ist es ja auch bis heute gekommen.
Jürgen Köster
unsere zeit - Zeitung der DKP 25. Januar 2002
Zum 25. Todestag von Max Reimann
Das Wirken Max Reimanns
Datei:Bundesarchiv Bild 183-57000-0069, Berlin, V. SED-Parteitag, 1.Tag.jpg